Rückblicke

Wesercamp 2026:

Das diesjährige Wesercamp fand neben drei weiteren Flusscamps statt, dem Spreefestival, dem Elbe-Saale-Camp und dem Rheincamp. Dabei hatte das Wesercamp sechs Wochen vor Campbeginn hart mit dem Ausfall der Fähre MS Guntsiet nach Harriersand zu kämpfen. Zuerst überwog noch die Hoffnung, dass der Motorschaden der Fähre sich reparieren ließe, oder ein Ersatz gefunden würde. Drei Wochen vor dem Camp war klar: Wir kommen nicht rüber nach Harriersand auf unseren Zeltplatz der Inselfreunde.

Durch den unermüdlichen Einsatz engagierter Einzelpersonen ist es dann gelungen, einen Ersatzort für das Camp zu finden. Eine gute Woche vor Campbeginn hatten wir die Zusage vom LiLuBa – dem LichtLuftBad auf dem Bremer Stadtwerder.

Dieses atmosphärische Kleinod mitten in Bremen, umsäumt von der Weser, war ein sehr schöner Camp-Ort, der auf jeden Fall dafür entschädigte, dass es leider recht häufig geregnet hat. Wir konnten unser Programm umsetzen, auch wenn deutlich weniger Teilnehmer:innen (ca. 70) da waren als letztes Jahr. Dafür gab es wichtige Debatten und Lernprozesse, Kennenlernen und Begegnung, was für die kommenden Jahre des Widerstands gegen die Weservertiefung und für eine regionale Bewegung für eine gerechte Landwirtschaft eine gute Grundlage bietet.

Der Höhepunkt des Camps war unser Aktionstag am Samstag dem 06.06. in Brake mit 150 Teilnehmer:innen zu Wasser & Land. Hier konnten wir die Vielfalt der Bewegung zeigen und uns gegenseitig inspirieren. So gab es eine Kletteraktion von Robin Wood, eine Paddelaktion mit 35 Kanut:innen, organisiert von den Bremer Kanu-Wanderern, einen Schlepper mit Hänger von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Bremen/Niedersachsen und eine Zubringerfahrraddemo von Fridays For Future mit 45 Radler:innen zum Thema A20. Es gab eine Vielzahl von interessanten Redebeiträgen zu Weservertiefung und Wassersport (Annette Chapligin / BUND Wesermarsch und Elke Grunwald u. Marie Gerland / Bremer Kanu-Wanderer), Landwirtschaftspolitik (Patrick Müller / BUND und Jochen Vogt / AbL), Weidehaltung (Jutta Sundermann / Aktion Agrar), der geplanten A20 von Bele Dietrich / FFF Rastede und zum Schluss ein aufgenommener Redebeitrag von Prof. Dr. Antonio Andrioli, einem ehemaligen Sojabauern und Agrarökologen aus Brasilien.

Von der Demo und den Aktionen wurde breit berichtet, so z.B. bei Hallo Niedersachsen im NDR, der Nordwest-Zeitung und der Kreiszeitung Wesermarsch. Am Braker Hafen, mit seinem Betreiber J.Müller als größtem Soja- und Zellstoffimporthafen Deutschlands und der Braker Fettraffinerie von Olenex, mit ihren Palmölimporten, kommen wie in einem Brennglas weltweite Lieferketten und die damit verbundene Ausbeutung und Zerstörung global und lokal zusammen. An diesem strategisch wichtigen Ort konnten wir viele unterschiedliche Akteure von Wasser- und Weserschützer:innen über Bäuer:innen und landwirtschaftliche Aktivist:innen zu Wassersportler:innen und Menschen, die sich für gerechte Welthandelsverhältnisse, Regenwald- und Klimaschutz engagieren, zusammenbringen. Hier werden wir weiter für Weserschutz und gerechte Landwirtschaft zusammenkommen und den Widerstand gegen J.Müller als Hauptprofiteur der Weservertiefung wachsen lassen.

Wesercamp 2025:

Gelungener Auftakt an der Weser: 120 Gäste beim Wesercamp auf Harriersand

Ein paar Schauer taten der Stimmung keinen Abbruch, denn auch die Sonne ließ sich reichlich blicken: Am Wochenende trafen sich Interessierte rund um die Themen Wasser, Weser und Landwirtschaft auf der Flussinsel. Dort hatten vielfältige Initiativen ein breites Angebot von Workshops auf die Beine gestellt.

Alle verbindet die Sorge um die Weser und ums Wasser. Die Weservertiefung war ein gewichtiger Teil der inhaltlichen Diskussion: Warum einen Fluss weiter vertiefen, wenn die Häfen auch ohne die Vertiefung klar kommen und schon die bisherigen Schäden in der Wesermarsch durch Verschlickung und Versalzung enorm sind? „Alle sind glücklich, wenn unsere Tiere auf der Weide sein können. Dazu brauchen wir qualitativ gutes Süßwasser in unseren Gräben!“ konstatierte Edzart Grabhorn, Sprecher von Bioland Jade-Ammerland und ökologischer Landwirt in Seefeld bei der Eröffnungsveranstaltung am Freitag Nachmittag im Braker Centraltheater.

Dorthin war auch die Radtour „Landwirtschaft in Bewegung“ gekommen, die zuvor zwei Wochen lang vom Oderbruch aus über Kassel am Ende die Weser entlang geradelt war, um verschiedene mehr oder weniger zukunftsweisende landwirtschaftliche Betriebe und Projekte zu besichtigen. Die Tour stellte sich in einem kurzen Grußwort vor: „Wundert euch also nicht, wenn hier an unserem Zielort 50 verschwitzte und glückliche Menschen mit Fahrradklamotten im Publikum sitzen!“

Junge Menschen aus verschiedenen Regionen und Initiativen der Klimagerechtigkeits- und Umweltbewegung prägten auch das Bild auf dem Camp. Ein Küchenteam sorgte zuverlässig und gut gelaunt für leckere Mahlzeiten. Aus dem Kreis der Teilnehmenden bildete sich ein Awareness-Team für einen guten Umgang untereinander und Vermittlungsmöglichkeiten im Konfliktfall. Im kulturellen Abendprogramm musste ein Lagerfeuer allerdings ausfallen, weil der Boden trotz neuer Niederschläge durch und durch trocken war: „Die außergewöhnliche Dürre der vergangenen Wochen und sogar Monate ist kein Einzelfall mehr. Aus der Klimaforschung wissen wir, dass Extremwetterlagen immer mehr zunehmen. Auf der einen Seite haben wir diese krassen Trockenperioden, auf der anderen Seite Starkregen wie zum Beispiel Ende 2023 mit den Überschwemmungslagen in Lilienthal und Oldenburg. Der Klimawandel ist leider real – und mit ihm sehen wir uns zunehmend Problemen im Wasserhaushalt ausgesetzt. All dies diskutieren wir hier auf dem Camp und schließen mit der Forderung, in dieser Situation alles zu tun, um das Wasser im Einzugsgebiet der Weser zu schützen und weitere Weservertiefungen und damit Risiken für die Region zu vermeiden“, erläutert Timo Luthmann vom Klima*Kollektiv. „Und ist es nicht Ironie des Schicksals, dass es jetzt zum Camp tatsächlich etwas regnet?“

Am Samstag konnten Übernachtungsgäste wie auch lokal Dazugekommene aus einem bunten Workshop-Programm auswählen. Beatrice Claus vom WWF erläuterte die Ökologie der Unterweser und aus welchen Gründen dieses besondere Flussmündungssystem in Gefahr ist. Gert Rosenbohm vom BUND Wesermarsch nahm die Teilnehmenden mit auf Reisen durch die Fischwelt und die Landschaft und Historie von Harriersand. Das Team der Fähre „Guntsiet“ war sprichwörtlich mit an Bord und bot den Gästen die notwendigen Überfahrten von Brake und eine Weserrundfahrt mit Blick auf Hafen, Fettraffinerie und ehemaligem Atomkraftwerk Unterweser. Ein Highlight war der Gesprächskreis der drei Kläger aus der Landwirtschaft gegen die Weservertiefung, Ralf Degen aus Nordenham, Leenert Cornelius aus Butjadingen und Dierk Dettmers aus Stadland. Eingeladen hatte Annette Chapligin, die unter anderem beim Aktionsbündnis gegen die Weservertiefung aktiv ist: „Die Erfahrung dieser drei Menschen ist enorm. Unermüdlich haben sie sich in den letzten 15 Jahren und länger für den Erhalt unserer Unterweser und für gute Bedingungen in der Weidewirtschaft eingesetzt, uneigennützig und kompetent. Mein Anliegen war es, ihren Erfahrungsschatz jüngeren und überregional Aktiven zugänglich zu machen und miteinander ins Gespräch zu kommen – das haben wir erreicht!“

Brake und Umgebung sind nicht nur ganz direkt für Wasser und Weser interessant, sondern weisen auch auf globale Zusammenhänge hin. Der Braker Hafen wickelt den Löwenanteil der deutschen Futtermittelimporte ab, beispielsweise Soja für die industrielle Tierhaltung von Schweinen und Geflügel im Südoldenburgischen. Dies verursacht Probleme in den Herkunftsländern, gefährdet aber auch Wassermenge und Wasserqualität hierzulande in den betroffenen Gebieten. Jutta Sundermann von der Aktion Agrar, die sich seit langer Zeit mit der Thematik beschäftigt, nahm diese Themen gemeinsam mit den Teilnehmenden ihrer Arbeitskreise unter die Lupe: „Nicht nur die Kritik an diesen Mechanismen ist hier Thema, sondern selbstverständlich auch die Entwicklung regionaler Alternativen und Kreisläufe. Ein spannender Ansatz ist der vermehrte Anbau von Hülsenfrüchten. Er ist auch in Deutschland problemlos möglich und sinnvoll für die Ernährung von Menschen und Tieren.“

Besonders weit angereist war eine Delegation der Christlichen Initiative Romero (CIR): Gladis Mucú aus Guatemala und Yoni Rivas aus Honduras berichteten, wie der Anbau von Palmöl auch für Olenex in Brake zu Vertreibungen und Zerstörungen in ihren Heimatländern in Mittelamerika beiträgt. Das deutsche Lieferkettengesetz – das ausgesetzt werden soll! – ermöglicht ihnen, Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen, die von dieser Ausbeutung profitieren. „Verfolgung? Vertreibung? Verantwortung! Kein Palmöl aus Raubbau!“ war denn auch die Forderung von Robin Wood und CIR auf ihrem Transparent vor der Fettraffinerie – eine Forderung, der sich die Campteilnehmenden gerne anschlossen.

„Brake wird durch die Futtermittel- und Pflanzenölimporte in großem Stil auch in Zukunft ein Kristallisationspunkt von Fragen einer gerechten Landwirtschaft sein. Wie eng Klima- und Wasserfragen damit verknüpft sind, konnten wir alle auf dieser Veranstaltung lernen, sehen und fühlen. Wie möchten wir in Zukunft essen, wie gehen gute Lebensmittel und gute Bedingungen für die Höfe weltweit und für Wasser und Klima zusammen? Diese Fragen werden uns weiter bewegen. Wir können jetzt schon sicher sagen, dass wir dran bleiben“, zieht Jochen Dudeck vom BUND Wesermarsch Bilanz. „Wir brauchen eine vielfältige Bewegung, die uns hier vor Ort zusammenbringt mit den unterschiedlichen Organisationen, Initiativen und einzelnen Aktiven.“

Am Ende war alles sauber aufgeräumt: „Gruppen dieser Größe, die keinerlei Müll hinterlassen und so gut organisiert miteinander tagen und feiern, sind selten“ – mit einem großen Lob vom Platzwart Randers Kärber vom Zeltplatz Harriersand ging am Sonntag das Wesercamp zuende. Es schloss mit dem Vorhaben: Dieses Camp wird nicht das letzte bleiben, weitere Veranstaltungen sind in Planung.